wanderungen / übergänge
Die künstlerischen Ausdrucksformen der Malerei haben sich über die darstellende Kunst, die Abstraktion bis hin zur konkreten Malerei immer neue Bereiche und Zugänge eröffnet. In diesem Zusammenhang ist gerne von einer Entwicklung im Sinne eines Fortschrittes die Rede.
Ich würde den Begriff der Entwicklung jedoch lieber als eine Öffnung oder eine Entdeckungsreise verstehen.

Auf dieser Reise bin ich seit vielen Jahren und habe mich von der darstellenden Malerei kommend zunehmend der formalen Kunst zugewendet. Immer wieder kam ich auf diesem Weg mit einer bewertenden Unterscheidung von figurativer und konstruktiver Malerei in Berührung, wie sie in der allgemeinen Kunstrezeption noch immer fortzuleben scheint.
Entweder werden die formalen Richtungen der Malerei als hochmütige Abwendung vom abbildenden Können und der Vermittelbarkeit von Inhalten angesehen, oder die Beschäftigung mit konkreter Gestaltung wird als geistig und intellektuell reiner begriffen.
Meine Erfahrung ist, dass dass Malerei unterschiedliche Motivationen haben und unterschiedliche Fragestellungen behandeln kann und dass sich daraus unterschiedlichen Zugänge ergeben.
Jenseits dessen besteht für mich persönlich in den Anforderungen, die ich an ein Bild stelle, aber gar kein so großer Unterschied zwischen darstellender und formal freier Gestaltung.

In meinem familiären Hintergrund steht ein fruchtbares und achtungsgebietendes künstlerisches Erbe, das figurativ geprägt ist.
Mein Großvater Wilhelm M. Busch (1908 – 1987), selbst Sohn eines Malers, war ein leidenschaftlicher Zeichner, vielbeschäftigter Buchillustrator und einflussreicher Lehrer.
Bei ihm erhielt ich den ersten Unterricht in Anatomie und Aktzeichnung.
Seine selbstverständliche Liebe zur Erfassung der Welt mit Bleistift und Kugelschreiber war prägend (s. -> links).
Reisen mit meiner Mutter zu den Meistern der niederländischen Stillleben und eine eingehende Beschäftigung mit den sich daran anschließenden Entwicklungen in der Malerei kamen hinzu.
Dazu begeistern mich die mathematisch basierten grafischen Muster, die mein Vater seit Jahren in großer Zahl konzipiert und visuell umsetzt, genau wie die assoziativ und kompositorisch immer wieder überraschenden Fotografien meiner Mutter.
Während des Illustrationsstudiums war der Unterricht bei Almut Heise für mich der Ort, wo ich meine Neigung zur Malerei erfahren und erproben konnte.
Von Anfang an hatte ich einen stark kompositorischen Zugang zur Bildgestaltung. Das theaterartige Guckkastenprinzip der Stillebenmalerei habe ich gerne vermieden und meine Objekte in einem konstruierten Nicht-Raum platziert (s. -> links).
Die darstellende Malerei bleibt eine Grundlage und prinzipielle Motivation bildnerischen Gestaltens, und es ist mir ein Anliegen, sie bei Portrait- oder Landschaftsaufträgen und in meinem Unterricht anzubieten.
In meinen freien Arbeiten das Figurative inzwischen verlassen habend, mache ich die Erfahrung, dass die vage Befürchtung, dies würde mich in eine Endlosschleife geistiger Eigenschau schicken, sich nicht bewahrheitet hat.
Jede Form, Fläche, Linie und jede Farbe hat einen geistigen und emotionalen Gehalt. Dieser mag auf den ersten Blick subjektiver erscheinen als in der figurativen Kunst, aber ich bin der Ansicht, dass der Konsens auch bei der Betrachtung darstellender Kunst eine Illusion ist.
Vielleicht muss ein solcher Konsens (zwischen UrheberIn und RezipientIn) auch gar nicht gesucht werden, vielleicht ist aber ein Austausch darüber eine gute Sache.
Das Missverständnis kann getrost als wichtigster Motor der Kommunikation gesehen werden.

An dieser Stelle der kurze Versuch einer Begriffsklärung:
Der Begriff der „Abstrakten Kunst“ bedeutet im eigentlichen Sinne, das Abnehmen (Abziehen) von Formen aus der Natur, die ggf. verändert oder verfremdet werden. „Konstruktivistische Malerei“ legt die Betonung auf geometrie- bzw. architekturbasierte Kompositionen.
„Konkrete Malerei“ wird als reine Manifestation von Formen und Farbe ohne geistige oder emotionale Inhalte verstanden.
Für meine Arbeit kann ich keine dieser Bezeichnungen vorbehaltlos verwenden und schwimme ein bisschen in den Begrifflichkeiten herum, mich hin und wieder an den Terminus „Formale Malerei“ hängend, der nicht klar definiert ist und vielleicht gerade deshalb für mich ganz gut funktioniert.
spiel / ernst
In meiner Arbeit geht es um Beziehungen und Bezogenheiten.
Beziehung beschreibt den Raum zwischen den Polen einer Relation, Bezogenheit ist der Einfluss, den diese Beziehung auf die beteiligten Elemente hat.
Obwohl sich alles auf einem begrenzten Geviert in zwei Dimensionen (dem Malgrund) abspielt, ist die Anzahl an möglichen Entscheidungen enorm – viel reichhaltiger, als es bei den sehr reduktiv aufgebauten Arbeiten vielleicht erscheinen mag.
Auf der konkreten Ebene beschäftige ich mich mit farblichen Gewichtungen, mit den von Formen ausstrahlenden Stimmungen, mit harten Grenzen und weichen Übergängen, mit freihändig entstandenen Formen genauso wie mit konstruierten, geometrischen... mit visuellen Melodien, mit dem, was Linien erzählen und mit dem Spannungsverhältnis zwischen all diesen Komponenten.

Schönheit sollte eine Folge davon sein.

Eine angstfreie Nutzung der Mittel ist das Ziel, das ich auch in meinem Unterricht fast an erste Stelle setzen würde.
Malerischen Gestaltungen jenseits ihrer äußeren Form überhaupt einen emotionalen oder geistigen Gehalt zuschreiben zu können, ist das Ergebnis meiner langen Beschäftigung mit Farbe, Form, Linie und Komposition.
Die Entscheidungen, die dazu nötig sind, speisen sich aus dem Geschichten konstruierenden und Sinn suchenden Wesen, das ich bin und das sich mittels Gefühlen, Erinnerungen und Plänen in der Welt verankert.

Also wandere ich beim Malen zwischen gestalterischem Wollen und all den Wünschen, Ängsten und Fragen, die mich beschäftigen, umher.
Die Titel der Arbeiten geben meistens einen Hinweis auf den Themenraum, in dem sich ein Bild, zumindest am Ende, bewegt hat. Themenräume werden während der Entstehung eines Bildes oft mehrfach gewechselt, genau wie die visuelle Gestaltung sich immer wieder ändert.
Ich nenne das: Eine Antwort suchen, um die Frage zu finden.
Fragen sind ein offenes Phänomen, und dementsprechend habe ich eine Liebe zu uneindeutigen Formungen, zu Merkwürdigem, aus dem sich vielfältige Assoziationen und persönliche Deutungen ergeben können.

Ich hoffe immer, dass meine Bilder eine eigenständige Kraft entwickeln.
Gleichzeitig möchte ich glauben, dass persönliche Berührtheit zu der Ausstrahlung einer künstlerischen Arbeit beiträgt, weil sie eine Form der Energie zwischen Urheber und Betrachter ist.
Insofern fließt in die Wirkung eines Bildes auch meine Person, die Person des Betrachtenden und auch unser möglicher Austausch mit ein, zu dem meine hier geteilten Gedanken vielleicht beitragen können.
natur / kunst
Alles, was der Mensch erschafft, hat einen unsichtbaren Hintergrund, und es ist eine alltägliche Erfahrung, dass sich in unseren Arbeiten oder Projekten nie all die Gedanken, Entscheidungen, Irrtümer und Neuanfänge spiegeln, die zu ihrer Entstehung geführt haben. Es wird im Gegenteil ein Werk erst dann als gelungen empfunden, wenn es den Eindruck vermittelt, nie anders als genau so gewesen zu sein.
Ich ahne, dass der Mensch in dieser Hinsicht eine andere als die gestaltliche Nachahmung der Natur versucht, indem er anstrebt, die Gewordenheit von etwas natürlich Gewachsenem zu imitieren.
Niemand würde die innere Logik eines Buchenblattes, und sei es auch ein kümmerliches, in Zweifel ziehen, denn dieses Blatt hat im Kern seiner Existenz eine gestaltende Autorität, die wir Schöpfung oder Genetik nennen können.
Wir wünschen uns in unseren eigenen Kreationen etwas ähnlich Unhinterfragbares und möchten darum alles Mühselige und Zweifelnde, alle Spuren der menschlichen Fehlbarkeit in unseren Werken vermeiden.
Der menschliche Sinn für Schönheit ist stark von diesem Wollen geprägt. Ihm zugrunde liegt auch die Kränkung, immer Geschaffene zu sein, immer Zweite. Mir scheint, dass der Mensch als Spezies wie ein auftrumpfendes Kind vor dem Ursprung seiner eigenen Existenz steht.
identität / kontext
Eine konsequente Subjektivität seitens der Künstlerin ist nach wie vor Teil der Arbeit und gehört zur Jobbeschreibung der freien Kunst, wie ich sie verstehe.
Gleichzeitig ist die Vorstellung vom weltabgewandten, per se rätselhaften Künstler inzwischen überholt, weil die Gesellschaft die Individualität des künstlerischen Ausdrucks mittlerweile vollkommen akzeptiert hat.
Wenn diese Art der Freiheit, zumindest immateriell, nicht mehr erkämpft und verteidigt werden muss, stellt sich die Frage, worum es denn dann – jenseits der eigenen vier Atelierwände – gehen kann.

Ist nicht die „Freiheit“ des Künstlers im Sinne einer Entgrenztheit etwas, womit inzwischen die Gesellschaft insgesamt zu kämpfen hat?
Das Postulat „Jeder ist ein Künstler!“ müsste also heutzutage vielleicht umformuliert werden in „Jeder muss ein Künstler sein!“.
Künstlerische Arbeit ist, so wie ich sie praktiziere, ein immer wieder neues Tasten im Nebel, ein Weg mit ungewissem Ausgang auf sich verschiebenden Untergründen.
Das Vertrauen darauf, dass sie doch irgendwie tragen und irgendwohin führen können, zu einem Ort, der dann beispielsweise „Bild“ heißt, ist die tägliche Übung.
Ein solcher Ort muss immer wieder verlassen werden, und auch dann sind wieder keine Wegweiser zu erwarten.
Dies beschreibt ungefähr, was ich persönlich unter „künstlerischer Freiheit“ verstehe. Sie ist eine Art geistigen Nomadentums, und es wäre denkbar, dass sie eines der Werkzeuge ist, mit denen Menschen den Herausforderungen einer Welt begegnen könnten, die zunehmend ohne verlässliche Wegmarken auskommen muss.
Die Gegenwart ist geprägt von unendlichen Möglichkeiten der physischen und virtuellen Beweglichkeit und den damit verbundenen Überforderungen, von einer immer weiter fortschreitenden Entkörperung, und von einem Gedehntsein der Existenz hinein in (z.B.) die außerphysischen Räume der digitalen Netze.
Dieser sich ins Unendliche erweiternde geistige Horizont ist ein wahrgewordener Traum, aber gleichzeitig verkleinert und schwächt er die Substanz unserer lokalen Existenz und ihrer verankernden Gewissheiten.
Die Grenzenlosigkeit dieser neuen Freiheit nicht nur auszuhalten, sondern ihr jenseits aller Zweifel eine eigene Gestaltung und Form zu verleihen, ist vielleicht die im tiefsten Sinne künstlerische Fähigkeit, auf die es im soziologischen Kontext im Moment am meisten ankommt.
Das gewählte Medium spielt dabei prinzipiell keine Rolle – manchmal denke ich, dass sogar die Resultate zweitrangig sind.
Sie spiegeln jedoch Standpunkte wieder und können auf diese Weise Räume der zwischenmenschlichen Verbindung und Auseinandersetzung sein.
altes medium / neue medien
Die Malerei hat sich im Laufe der Geschichte zu den aufkommenden Technologien des Bildnerischen immer wieder neu ins Verhätnis setzen müssen.
Fotografie, Bildbearbeitung, digital generierte Filme usw. haben zwangsläufig eine verändernde Wirkung auf die Motivationen der Malerei gehabt, weil sie die sichtbare Welt und das Verhältnis zum bildnerischen Gestalten an sich beinflusst haben.

Diese ganze Geschichte mit Pinseln, Ölfarben und Maltuch, wie ich sie praktiziere, ist vor der Folie moderner Technologien eine merkwürdige Angelegenheit.
Sie erlaubt auch keine verlustfreie Vervielfältigung und beharrt auf dem einen Bild, dem „Original“.

Die genuin neuen Arbeitsweisen und Möglichkeiten, die die Digitalisierung auch im künstlerischen Bereich hervorgebracht hat, nutze ich nicht.
Bei meiner Arbeitsweise ist das Körperhafte und die Erfahrung, welch wichtige Rolle die Zeit im menschlichen Leben spielt, von großer Bedeutung.
Der Prozess ist langsam und nicht geradlinig, sondern bewegt sich immer auf Umwegen. (Ich habe inzwischen akzeptiert und schätzen gelernt, dass es so richtig ist.)
Manchmal bremsen die Farben die Gedanken aus, weil sie trocknen müssen – manchmal fehlt die Idee, wo die Farben bereit wären. Das Ganze lässt sich nicht beschleunigen.
Ich habe eine physische Freude an meinen Utensilien, liebe den Geruch der Farben und das Gewebe des Maltuches.
Nur durch die langjährige Vertrautheit mit diesen Materialien kann ich die Ergebnisse meines Tuns beurteilen und erfühlen.
Die Bilder entstehen innerhalb der Grenzen der menschlichen Physis und treten den BetrachterInnen auch in diesen Dimensionen entgegen.
Ich strebe weder Überwältigung noch Unvergänglichkeit an.
Vielleicht ist dies in der heutigen, von wahnhafter Produktivität geprägten Zeit ein Statement, ganz sicher aber mein persönliches Bedürfnis (in eben dieser Zeit!)
Ein Bild ist das Ergebnis einer immer einzigartigen Entstehungsgeschichte, und es erscheint mir notwendig, dass die Spuren dieses Weges im Werk noch enthalten sind.
Diese kann nur die eigentliche Arbeit in sich tragen. Nachdrucke und Vervielfältigungen sind in dieser Hinsicht verarmt. (Wäre es schön, wenn es anders wäre?).
Darum ist ein Bild auch kein „Abbild“, sondern die visuelle Manifestation gelebter Zeit – in die Welt gestellt von einem Menschen in der Hoffnung, andere Menschen in irgendeiner Weise damit zu erreichen.
Mag es gelingen oder nicht – künstlerische Arbeit bleibt eine stete Übung in geistiger Selbstbestimmung, und Künstler sollen ihre Freiheit dazu nutzen (dürfen), diese so mutig und freudig wie möglich und immer wieder neu zu verwirklichen.
Das ist das erfrischende Wasser der Kunst in der Welt.
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